2011/03/18

Rissige Lippen


Ich habe endlich mal wieder gut geschlafen. Zum ersten Mal seit dem Beben, das heute genau eine Woche her ist. Zwar immer noch nicht lang – der Jetlag verwirrt meinen Schlafrhythmus noch einigermaßen – aber wenigstens fast durchgehend.
Sebastian schläft noch – endlich. Endlich sind auch sie wieder eingermaßen ausgeruht, mein Freund und meine Familie, die vor Sorge keine Ruhe finden konnten in der vergangenen Woche.
Ja, wir sind alle erleichtert. Langsam sickert es durch, das Wissen, dass jetzt ‚alles gut’ ist. Dass ich mich nicht weiter durchkämpfen muss, aufrecht halten muss, sondern dass ich zu Hause bin. Dass ich nicht mehr ständig auf der Hut sein muss vor Nachbeben, nicht jedes Haus, jeden Ort auf seine Erbebenanfälligkeit hin betrachte (Könnte ich raus? Wenn nicht, wo drunter könnte ich Schutz suchen? Wo gibt es Glasscheiben oder ähnliches, was wirklich gefärhlich werden kann?). Dass ich nicht meht auf dauernder ‚Handy- Wache’ bin, auf den nächsten Anruf von zu Hause wartend, möglicherweise mit neuen Sorgen bereitenden Botschaften aus dem AKW.
Aber gleichzeitig ist ja gar nichts vorbei. Überhaupt gar nichts. Nur dass ich da raus bin, ändert für alle anderen Menschen dort nichts. Und so ist meine Erleichterung auch mit schlechtem Gewissen gemischt. Und vor allem kann ich nicht loslassen. Kann die Anspannung nicht auflösen – nicht, solange die Lage in Japan noch so schlimm ist. Und damit meine ich nicht nur, vielleicht nicht mal vor allem die AKWs, sondern viel mehr die Situation der Menschen. Eine Situation, für die ich kein ehrlich passendes Adjektiv finden kann.
Und im Verhältnis zu dem, was passiert ist und was weiterhin passiert, ist meine eigene Geschichte glimfplich verlaufen. So sehr, dass ich jetzt zögere, sie aufzuschreiben.
Das ist ein Gefühl, das mich schon seit Tagen begleitet, seit ich Samstag Abend aus Tochigi-ken nach Tokyo kam. Bin ich jetzt ein Flüchtling aus den betroffenen Gebieten? Irgendwie ja schon… und allein die Tatsache, dass ich einen der letzten Flüge aus Narita Airport gekriegt habe (eine Tatsache, die mir überhaupt nicht bewusst war, Gott sei Dank), zeigt etwas vom Ernst der Lage.
Andererseits ist mir eigentlich nichts passiert. Mir nicht, und niemandem, dem ich kenne. Ein weiterer Grund für unendliche Dankbarkeit. (Und Irritation: So ist mir das Leben derer, die ich kenne, wichtiger als das derer, die ich nicht kenne?) Die Gebäude des Asian Rural Institutes, in dem ich die Woche gewohnt und gearbeitet hatte, sind alle stehengeblieben, nur die Dachkonstruktion des einen hat Schäden, und die Inneneinrichtung ist völlig im Eimer, Splitter und Chaos überall. Schlimm genug, wenn man an die Arbeit denkt, die es machen wird, das alles aufzuräumen. (Allein das Main Building, in dem die Verwaltung ARIs untergebracht war! Alle Akten, alle Bücher, Papiere, Daten durchainandergewirbelt, umgefallen… ein furchtbarer Anblick.)

Es ist seltsam. Während der Zeit, die ich mich nach dem Erdbeben bis nach Hause durchschlagen musste (in ARI, nach Tokyo, zur chinesischen Botschaft, wo mein Pass noch war, zum Flughafen, nach Seoul und endlich nach Hause), schien meine Geschichte, meine Sicht aus einem einzigen roten Faden zu bestehen. Ein Schritt nach dem anderen auf dem Plan. Das war es, woran ich mich festhielt, um nicht umzufallen. Immer nur den nächsten Schritt vor Augen. Kopf gesenkt, Schultern hochgezogen, Zähne zusammengebissen. So.
Du bist endlich in Tokyo. Jetzt also (mit zwei anderen) zu dem Ort, an dem wir schlafen konnten. Ok. Wo gibts was zu Essen. Ok. Wie halte ich den Sonntag aus? In eine bekannte Kirche gehen. Ok. Schlafplatz für Sonntagnacht gefunden. Muss mein Gepäck holen. Ok. Montag: Du gehst jetzt zur Botschaft und holst deinen Pass. Ok. Geschafft. Jetzt zum Flughafen. (Das dauerte nicht wie sonst etwa zwei, drei Stunden, sondern acht. Aber was solls. Irgendwie nach Ueno, dort warten, dann in den überfüllten Zug gespält werden.) Ok. Hier warten bis morgen, bis du einchecken kannst. Ok. Flug verspätet und über Seoul umgeleitet, wo er 9 Stunden warten wird. (Scheisse scheisse scheisse, oh nein, warum auch das noch?) Dann halt das auch noch. In Seoul warten. Endlich wieder einsteigen – auf em Weg nach Hause.
So hatte mein Erleben in dieser Zeit den deutlichsten roten Faden, den man sich vorstellen kann. Aber jetzt, wo die Anspannung nachlässt, zerfällt alles. Als wäre das Magnetfeld, das die Teile zusammengehalten hätte, ausgeschaltet worden, und alles zerfällt wieder in Einzelteile.
Erinnerungsscherben an die Nachbeben, so viele, dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob einem schwindlig ist oder das schon wieder das nächste Beben ist. An den Durst – warum ist mein Mund auf einmal so trocken? An Lippen, die so aufgesprungen und trocken sind, dass sie wehtun, und an denen ich doch herumkaue, bis sie bluten. An die Fahrt nach Tokyo, mit schlimmer werdenden Nachrichten im Radio und dem Gefühl, das ist doch alles surreal, fliehen wir grade eigentlich? Vor ner Wolke? Und wenn ja, warum fährt Yukiko dann immer noch nur 70 km/h? An offene Restaurants überall an der Straße, wie immer, und Normalität (wirklich? Meint ihr das Ernst?) in Tokyo; in den Erdbebenklamotten in Shinjuku am Bahngleis stehen, Samstag nacht, und neben uns die normalenen besoffenen Party-Leute. Wie kann das sein? An klappernde Fenster und ‚Erdkrankheit’ (statt Seekrankheit). An die Hilflosigkeit, als meine Familie Samstag immer ängstlicher, panischer wurde und ich in ARI nichts machen konnte, die Japaner nicht mehr sagten als ‚man weiß nichts genaues’.
Ans Abheben im Flugzeug, das so sehr ruckelte beim Beschleunigen zum Starten, dass ich dachte ‚oh Gott, bitte nicht noch ein Erdbeben’. An die Freundlichkeit und Hilfbereitschaft so vieler Menschen, auch wildfremder. An die Kirschblüten im Ueno- Park und die Touristen, die sie begeistert fotografierten, und ich fragte mich, ob meine Entscheidung auszureisen nicht doch überstürzt war. An den Kirchgang am Sonntag, bei dem mir den halben Gottesdienst lang die Tränen übers Gesicht liefen. An den Samstag, an dem mir klar wurde, dass es möglich ist – dass mir was passieren kann, was Schlimmes, hier, heute, jetzt bald, dass ich zu eine der Tragödien werden könnte, die man sonst nur im Fernsehen sieht, dass ein zufriedenes und heiles Leben, was ich für mich immer angenommen hatte, keine Selbstverständlichkeit ist. An die schönen Veilchen am Wegesrand. An den Staff Room, nach dem Beben, wo die Staffs ein Meeting gehabt hatten und Notizbücher und Kaffeetassen noch auf den Tischen standen. An Japaner, die in Hausschuhen rausgerannt waren – und ich dachte, dann muss es wirklich ernst gewesen sein. An das ständig laufende Radio – auf japanisch. Wie erst langsam die Neuigkeiten hereinsickerten, wir erst allmählich das Ausmaß des ganzen erahnten. Wie Freitag um fünf Uhr morgens der Strom wieder anging. Die Telefonate und SMS mit meiner Familie – und der Nachsatz ‚ich hab dich so lieb’, der mich am meisten fertig machte, weil er diese Angst in sich trug, was, wenn das das letzte war, das sie von uns hört? (Oh Gott oh Gott oh Gott)
And die Hilflosigkeit, man kann nur noch beten, aber offensichtlich ist Gott auch ein Gott, der so etwas geschehen lässt, und vielleicht ist es auf lange Sicht/ aus seiner Sicht auch gar nicht so schlimm, also bringt beten überhaupt was? Warum sollte er mich verschonen, wenn er so viele nicht verschont hat?
An die Menschen, die Engel für mich waren, die mir geholfen haben, sich um mich kümmerten, mir einen Schlafplatz gaben, zu Essen, Gesellschaft, Wärme.
An die Pressekonferenz, während der sich alle in leeren Phrasen übten, dass ich mich von ihnen verraten fühlte.
An die Normalität in Tokyo, die Cafés, die normal offen waren und gut besetzt.
An die vielen Nachrichten von Freunden und Bekannten, die an mich dachten. (Danke euch allen!)
Und, auch, an die Scham: Warum scheint dieses Beben so viel mehr Mitgefühl auszulösen als das in Haiti, das doch in seinen Auswirkungen viel schlimmer war, oder?
An das Entsetzen vor dem Fernseher in Deutschland: Lybien, Bahrain, Japan, was noch? Ist das die Apokalypse? (Und es sagt viel über den Zustand meiner Nerven aus, dass ich sowas denke.)

1 Kommentar:

  1. Liebe Mirjam, ich hab geweint beim Lesen. Ich würde gern irgendwas Sinnvolleres schreiben, aber was "sinnvoll" sein soll, dazu fällt mir bei alldem nichts mehr ein.
    Alles Liebe! Hannah

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