moin moin!
ja, hier ist es gemütliche zehn uhr morgens, ich schlürfe grade meine vorletzte tasse instant-kaffee (also nur noch einen weiteren 'kaffee', dann ist die dose leer und ich steige auf tee um. irgend ne möglichkeit zum kaffeekochen gibts hier im dorm nicht...), die überreste meines frühstücks stehen auch noch auf meinem schreibtisch (in der küche gibts keinen platz, um sich hinzusetzen - das einzige echt große manko hier), und ich habe überraschenderweise zeit. heute morgen wurde ich nämlich schon ne halbe stunde vor meinem wecker wach (und wer mich kennt, weiß, wie außergewöhnlich das ist). wirklich ausgeschlafen fühle ich mich trotzdem nicht, aber das wäre wohl zuviel verlangt, außerdem bin ich nicht freiwillig wach geworden, aber das dorm hier ist nicht nur gegen wärme, sondern auch gegen geräusche schlecht isoliert, wenn sich also zwei menschen irgendwo im gang unterhalten, dann könnte ich die unterhaltung mitverfolgen - wenn sie nicht auf japanisch wäre.
heute war ich auch eigentlich zu müde und zu schlecht gelaunt, um mir waszum frühstück zu kochen, aber was soll man machen? essen muss man ja doch. falls ihr euch jetzt wundert: ja, in meinen frühstücksgewohnheiten habe ich mich weitestgehend angepasst. heute gab es reis und miso-suppe, das klassische standard-frühtück der japaner. gestern hatte ich rührei mit reis.
und jetzt habe ich dank des ungewollten früheren aufstehens zeit, mich mal wieder um diesen blog zu kümmern. mir fliegen eigentlich jeden tag irgendwelche ideen durch den kopf, was ich alles schreiben könnte, bloß - wann? also heute ein paar gedanken, die ein bisschen an den pizza-effekt anschließen.
einer der gründe, warum mein blog so heißt, wie er heißt, ist meine zuneigung zu schildkröten. aber auch das gefühl, die metapher passt ganz gut zu mir.
seit ich in kyoto bin, vergleiche ich meine erlebnisse natürlich mit meinem ersten mal in japan, als ich nach dem abi mein fsj auf einem öko-ausbildungs-bauernhof nördlich von tokyo machte. klar, vieles ist gleich, aber vieles auch anders, was mir allmählich eine warnung zukommen lässt. lasst es mich am besten verdeutlichen:
bei meinem letzten aufenthalt in japan war ich irgendwann davon überzeugt, dass es in japan einfach keine cafés gibt. denn weder in nasushiobara, der kleinstadt, in der ich lebte, noch in der nächstgrößeren stadt utsunomiya, noch in tokyo konnte ich wirklich cafés entdecken, die meinen europäischen erwartungen eines gemütlichen rückzugsraumes und treffpunktes entsprachen. (das ist übrigens der grund, warum ich starbucks irgendwie mag - das einzige café in ganz tokyo). und da das ja schon eine recht große stichprobe war, war ich in meinem urteil eigentlich ziemlich sicher. und jetzt bin ich in kyoto, und was sehe ich? richtig, cafés an jeder ecke.
oder ich vergleiche meine erfahrungen mit dem, was der autor von 'darum nerven japaner' auszusetzen hatte. manches kann ich bestätigen, anderes finde ich zumindest plausibel, aber einiges habe ich jetzt schon ganz anders erlebt. zum beispiel bemerkt er, es gäbe in japan kaum möglichkeiten, fahrradreifen zu flicken. auf meiner täglichen viertelstundenradfahrt ins institut komme ich aber an mindestens vier läden vorbei, die nicht nur fahrräder verkaufen, sondern sie eben auch flicken. hm.
so merke ich immer deutlicher, wie idiotisch es eigentlich ist, allgemeinheiten über 'die japaner' rausfinden zu wollen. wenn man das mit deutschland vergleicht, dann wird einem die idiotie vielleicht deutlicher: welcher deutsche würde denn auch schon hamburger und münchener, sachsener und baden-württemberger in einen topf werfen? no way! und das land hier ist noch länger, schmaler, die einzelnen präfekturen viel weiter voneinander entfernt - woher soll ich wissen, was typisch für kyoto ist und was 'typisch japanisch'? und was einfach nur die eigenart der menschen ist, die ich treffe?
noch ein beispiel: eine dozentin von uns (die einzige weibliche bisher, by the way) erzählte von den schwierigkeiten ihres umzugs von tokyo nach kyoto. in tokyo könne man, wenn man von freunden zum tee eingeladen werde, einfach reinkommen und mit den freunden tee trinken. in kyoto dagegen müsse man dreimal verneinen - erst wenn der einladende dann immer noch darauf besteht, dürfe man wirklich reinkommen. (ich glaube, das ist die old-school-variante, so wie vieles in kyoto noch einen traditionelleren touch hat - bis auf die cafés.)
oder ein gegenbeispiel: ich wohne ja in einem recht internationalen dorm (oh je, darüber muss ich auch mal ausfürhlich schreiben...). einer meiner mitbewohner meinte irgendwann mal, alle deutschen könnten doch so gut englisch.
hm. hört euch mal bei euch zu hause um. und, stimmts?
ich schätze mal, eher nicht. oder zumindest nur zum teil. aber die letue hier kennen ja nur die deutschen, die sich nach japan wagen - also tendenziell die gut ausgebildeten und auslandsinteressierten, die natürlich viel eher gut englisch sprechen.
also - man sieht das, was man direkt vor der nase hat. wie eine schildkröte. das sieht man auch ziemlich gut. nur ist es eben bei weitem nicht alles, und der kontext ist oft kaum erkennbar.
so, nach dieser umständlichen hinführung zu einem so simplen schluss werde ich mich jetzt auf mein kleines rotes cruiser-fahrrad setzen und zum institut cruisen. heute stehen buddhist text reading und new religions auf dem plan, ich werde also schon um drei wieder zu hause sein - was auch ganz gut ist, denn ich bin total erschossen vom vorgestrigen field trip und heute abend ist das erste common meal. aber dazu später mehr.
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