2010/10/09

Wo bin ich hier eigentlich gelandet?

Drei Wochen bin ich jetzt schon hier...
und nachdem ich einige Reaktionen via Internet gekriegt habe, ist mir erst aufgefallen, dass viele meiner Freunde und Bekannten ja gar nicht wissen, wo ich grade bin und was ich hier mache. Daher hier eine kleine Einführung:
Es gibt in Kyoto ein kleines Institut mit dem langen Namen NCC Center for the Study of Japanese Religions. Wobei NCC für National Christian Council steht, also den Zusammenschluss aller (naja, fast aller - die Katholiken sind nur als Beobachter dabei) christlichen Gruppierungen Japans. Das Center nun ist ein Teil der Arbeit dieses NCC. Entstanden ist es als Ort, Buddhismus zu studieren, um die Buddhisten dann besser missionieren zu können - doch je mehr man studierte, desto mehr merkte man, dass man nicht ehrlich studieren und diskutieren kann, wenn man eigentlich missionieren will, und so hat sich das Profil des Centers immer mehr gewandelt - weg vom missionarischen hin zum dialogischen. Heute ist das Center also ein außerordentlicher Ort, weil hier ein tatsächlich offener Dialog der Religionen (und zwar mittlerweile aller japanischen Religionen) gepflegt und gefördert wird.
Trotz dieser wichtigen und spannenden Ausrichtung ist das Center klein und schlecht finanziert. Tatsächlich besteht es aus drei Räumen auf der Rückseite eines Hotels, das immerhin sehr zentral direkt am Kaiserpalast gelegen ist - gut für uns, denn der Palast ist von einem großen Park umgeben, in dem wir oft unsere Mittagspause verbringen. Aber dazu wann anders mehr.
Von den drei Räumen ist einer ein Büro, in dem die einzige feste Mitarbeiterin des Centers, die Sekretärin, arbeitet, einer ist eine Bibliothek, die leider völlig in Unordnung geraten ist, aber eine einzigartige Sammlung an Literatur über japanische Religion beinhaltet (und nicht nur - ich hab da auch schon Heidegger in japanischer Übersetzung entdeckt!), und der dritte Raum ist eine Mischung aus Zeitschriftenbibliothek und Seminarraum. In diesem dritten Raum verbringe ich die meiste Zeit des Tages bei irgendwelchen lectures, zusammen mit meinen drei Kommliitonen und einer Unmenge an Zeitschriften, die überall in Bündeln und Stapeln jede verfügbare freie Fläche beanspruchen.
Soviel zu den äußeren Umständen. In diesem Seminarraum nun haben wir, wie schon erwähnt, fast jeden Tag (wenn nicht gerade Sonntag ist oder wir auf einem field trip sind) lectures von Gastdozenten der umliegenden Universitäten und ähnlichem. In der ersten Woche hatten wir eine Art Einführung - wir hatten also lectures in Japanese Language (bei einem Nachrichtensprecher, der nur japanische mit uns sprach... großartig. Danach war mein Hirn immer total ausgewrungen.), Japanese Culture, History und nen Überblick über Japanese Religions. Auch unseren ersten Schrein und Tempel besuchten wir in dieser Woche. (auch darüber später mehr, hoffentlich.)
Seit dieser Woche nun fing das normale Programm an. Die Fächer, die wir jetzt wohl ungefähr jede Woche haben werden, waren Theology in Dialogue, Shinto&Folk Religion, Christianity, Buddhism, Buddhist Text Reading und New Religions. Die Dozenten dazu sind unterschiedlich, wir werden zu jedem Fach mehrere verschiedene Dozenten hören, die die Themen ganz unterschiedlich ausgestalten. Bisher hatten wir einige Religonswissenschafter mit ganz unrschiedlichen Herkünften - buddhistische Priester, Christen, Amis, Japaner... -, dazu Theologen verschiedenster Art und einen Ethnologen. Die meisten sind Japaner und sprechen mehr oder weniger gut Englisch oder Deutsch (!) mit uns, aber wir haben auch ein paar Ausländer (zwei Deutsche, einen Amerikaner).
Dazu kommen noch die Field trips, denn wie einer unserer Dozenten mal sagte, man kann die japanischen Religionen kaum theoretisch erfassen - Shinto z.B. hat noch nicht mal nen grundlegenden Text oder ein Lehrgebäude, das man lesen könnte! Also machen wir uns auf in die Tempel und Schreine, um die gelebte Religion mitzukriegen.
Ich werde bald auch inhaltlich über die classes erzählen, aber das wäre jetzt zu viel, denke ich. Und aueßerdem bin ich müde, und in ner halben Stunde fängt die welcome party hier im Wohnheim an. (Wer bitteschön legt den Beginn einer Party auf sechs Uhr?)
Auf bald.

3 Kommentare:

  1. hallo miri!
    ich find deinen blog suuuper spannend und lese gerne deine worte.
    ich hab ne frage: besprecht ihr auch die sekte aum, die den anschlag in den 90er Jahren auf die Tokyoter U Bahn verübt hat? Ich hab das Buch von Murakami (reine Interviews) verschlungen und fands super spannend.
    bin gespannt, was du so berichtest.
    lg

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  2. hej!
    ab und zu ist der name aum schon mal gefallen, aber ichweiß nicht, ob einer unserer dozenten auch mal was dazu sagt. hier gibt es so viele neue religionen, das ist echt überraschend...
    wenn dazu was kommt, werd ihc auf jeden fall drüber schreiben.

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  3. ja, ich bin gespannt...
    aber die sind ja auch eigentlich seit der aufklärung des falles vom anschlag sher klein geworden und fast unbedeutend... von daher...

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